Let there be rock
Ja klar, als australische Hardrockband hat man sozusagen qua Herkunft wahlweise AC/DC oder Rose Tattoo als Vorbilder. So will es zumindest das Klischee für Pub-Rock made in Down Under. Und natürlich ließen sich Airbourne diese Ehre nicht entgehen, als sie 2004, also noch weit vor ihrem Debütalbum "Runnin' wild", anlässlich der Umbenennung einer kleinen Gasse in Melbourne in "AC/DC Lane" zwei Live-Sets spielen durften. Für eine kolportierte Gesamtgage von 200 Dollar. Dass sich danach die großen australischen Labels um die Gruppe förmlich prügelten, gehört zur Bandfolklore, doch es war – natürlich, möchte man hinzufügen – ein gewisser Ian Fraser Kilmister, der ohne Gage im Video zum Titeltrack dieses Debüts auftrat und den wohl nachhaltigsten Eindruck bei den jungen Musikern hinterließ. Zeitsprung in die Gegenwart. Airbourne gehören längst zu den größten des Genres, Lemmy ist auch schon mehr als 10 Jahre nicht mehr unter uns. Und Joel O'Keeffe bedankt sich in einem langen Brief an die Motörhead-Legende, die den Aussies einen Rat gegeben hatte: Macht die Musik, die vor allem Euren Roadies gefällt. Denn die hören sie auf Tour tagein, tagaus. Für dieses große Ziel hat der Vierer sich durchaus etwas einfallen lassen. Sechs lange Jahre Zeit gelassen fürs Songwriting, mit Brian Howes, der bereits 2013 bei "Black dog barking" hinter den Reglern saß, ein vertrautes Mastermind zurückgeholt. Und dann gibt es da noch zwei Kollaborationen, die sich gewaschen haben: "Here she comes" und "Who put the rhythm in you?" schrieb man mit Produzenten-Urgestein Mutt Lange und... einem gewissen Bryan Adams! Klingt nach einem Plan, oder? In der Tat. Nach wenigen Sekunden ist die lange Pause seit dem letzten Album "Boneshaker" wie weggeblasen, die erste Dose Bier aufgerissen, und spätestens beim Refrain des bereits im letzten Jahr veröffentlichten "Gutsy" müssen dann auch die Nachbarn mithören. Das folgende "Alive after death (Last plane out)" ist geradezu unverschämt schmissig und verweist darauf, dass verstorbene Musiker durch ihre Kunst weiterleben, solange ihre Musik am Leben bleibt. "When you speak my name / You give me back my tongue / When you sing my songs / You give me back my lungs." Starke und kraftvolle Lyrics, die nebenher altbekannte Klischees beiseite wischen. Was nicht heißt, dass die Aussies nicht genau damit formvollendet spielen können. "Kid in a candy store" könnte als angestaubte Pubertätsfantasie durchgehen, lässt aber zu jeder Zeit das nötige Augenzwinkern durchblitzen und bedient sich ganz nebenher noch im Gitarrenlick-Fundus von Angus Young, während bei "Christmas bonus" schon der Titel breit grinst – und hey, bei AC/DC haben bei "Mistress for Christmas" auch alle mitgegrölt. Da verzeiht man auch den kleinen Fauxpas von "Who put the rhythm in you?", bei dem Bryan Adams glatt entgangen ist, dass die Ohoho-Chöre exakt dieselben sind wie beim ebenfalls von ihm mit geschriebenen "Here she comes" – was die Songs glücklicherweise nicht schlechter macht, sondern nur stadiontauglicher als ohnehin schon. Denn ansonsten könnte man alleine über die Produktion in Lobeshymnen schwelgen, denn hier wird das Maximum aus dem analogen Equipment herausgeholt, auf übermäßige Polituren wird verzichtet und so der Platte genau die richtige Mischung aus Wucht und Dreck verpasst – was für eine akustische Wohltat in heutigen Zeiten, die alleine dafür sorgt, dass "Airbourne" wie in der guten alten Zeit auf dem passenden Equipment in angemessener (sic!) Lautstärke gehört werden will. Was angesichts der Klasse des Albums umso mehr Spaß macht. Klar, nach über 20 Jahren wird das Gaspedal nicht mehr dauerhaft voll durchgetreten, ist der Vierer nicht mehr ganz so ungestüm. Energie ist dennoch im Überfluss vorhanden, und auch wenn sich die Band am Schluss mit "Send me to rock'n'roll heaven" vor den Legenden des Hard Rock verneigt, zeigen Airbourne nicht nur Demut. Sondern auch, dass es aktuell nicht viele Genrevertreter gibt, die den Australiern auch nur ansatzweise die Bierdose reichen können.