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Cover art for The Haunted Youth – Boys cry too
💿 8/10
The Haunted Youth
Boys cry too
  • 🔍 In my head
  • 🔍 Castlevania
  • 🔍 Deathwish
  • 🔍 Emo song
  • 🔍 Forget me
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Pictures of you(th)

Alles hier deutet auf eine gewachsene Band hin, die über viele Jahre ihren Stil verfeinert und schließlich gefunden hat. Die mit großen Songs und noch größeren Emotionen hinausdrängt in die Welt, um Bühnen und Herzen zu erobern. Wie man sich doch täuschen kann. Die Geschichte von The Haunted Youth begann als Soloprojekt des Belgiers Joachim Liebens, und das Debütalbum erschien erst 2022. "Dawn of the freak" war im Rückblick ein gelungener erster Streich, der mit seiner Verwurzelung im Shoegaze und der eher sanften Stimmlage durchaus Eindruck hinterließ. Erst danach entwickelte sich Stück für Stück ein richtiges Bandgefüge, während Liebens phasenweise aus dem Takt geriet und sich mit einer kreativen Lähmung auseinandersetzen musste. Nach dem Tiefpunkt schälten sich nach seiner Aussage aber doch neue Ideen heraus. Die Arbeiten am Zweitling "Boys cry too", der im Titel und beim Cover überdeutlich The Cure zitiert, konnten starten. Man benötigt nur einen Durchgang, um die Güte der elf Songs unmittelbar zu erkennen, und den einen oder anderen mehr, um schließlich zu verstehen, dass hier Großes passiert. Das liegt insbesondere an den ersten vier Tracks, die beweisen, welch enormen Sprung The Haunted Youth vom Debüt bis hier unternommen haben. Allein der Opener "In my head" packt über seine knapp acht Minuten mehr und mehr zu, steigert sich nach feinem Intro zu einer wahren Wand, derweil Sänger Liebens die Klaviatur seiner stimmlichen Fähigkeiten bedient. Was verletzlich startet, gerät zum gewaltigen Ausbruch: "It's in my head / I'm better off dead / Sometimes." Was so fulminant beginnt, kann nur schlechter werden? Mitnichten. "Castlevania" streift hernach souverän den Grunge, "Deathwish" ist mit seiner ungezügelten Energie eine Verheißung für Live-Auftritte der Belgier. "Emo song" rundet mit seinen längeren Instrumental-Passagen diesen ersten, schlicht überragenden Teil des Albums ab, in dessen Mittelpunkt Gedanken über den Umgang mit Rückschlägen und die Neigung zur Selbstzerstörung stehen. Die uneingeschränkte Begeisterung über dieses Quartett an Songs wird in der Folge glücklicherweise nicht durch einen etwaigen qualitativen Einbruch getrübt. Im zurückhaltenden "Wake up" hören wir dem Sänger bei seinen instrumental deutlich reduzierter begleiteten Textzeilen zu, nicht zum ersten und letzten Mal winken Youth Lagoon der Formation anerkennend vom Wegesrand zu. Alles bleibt im Fluss, das zuvor Breitwandige wird häufiger stilistisch vereinfacht. "Hurt" und "Murder me" beispielsweise kommen kurz und knapp daher, während "Falling to pieces" und "I hear voices" ohne überflüssige Note später wieder die Sechs-Minuten-Marke überspringen. Letztgenanntes Stück eskaliert schließlich zu einem furiosen Klangkosmos, bevor es nach einem kernigen Zwischenpart mit viel Atmosphäre und dezidierter Zurückhaltung nur scheinbar das Grand Finale markiert. Man fühlt sich wie bei einem Konzert, wenn in die ausklingenden Töne hinein lautstarke Rufe nach Zugaben erschallen. Der imaginäre Wunsch wird erfüllt, denn auf die träumerischen, vermeintlich letzten Noten folgen noch zwei Songs zum feinen Schluss. "Forget me" hat dabei gewaltiges Hit-Potenzial und könnte auch Fans von Blink-182 zum Mitsingen verführen. Der Hang zum unbarmherzigen Umgang mit sich selbst bekommt Risse: "Boys will be boys but I cry too", heißt es hier. Mit "Ghost girl" kommt das Zweitwerk von The Haunted Youth schließlich zum tatsächlichen Ende. Joachim Liebens ist hier wieder ganz bei sich, tastend und vorsichtig schleicht er sich aus dem Album heraus. "I hear you / Call my name / I turn around / You're not there." Bühnen und Herzen, lasst Euch erobern.

Cover art for The Claypool Lennon Delirium – The great parrot-ox and the golden egg of empathy
💿 8/10
The Claypool Lennon Delirium
The great parrot-ox and the golden egg of empathy
  • 🔍 WAP (What a predicament)
  • 🔍 Meat machines
  • 🔍 Troll bait
  • 🔍 Cliptron scuttle
  • 🔍 It's a wrap
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Sgt. Pepperspray

In politisch angespannten Zeiten haben sowohl Dystopien als auch Utopien im Kulturbetrieb Hochkonjunktur. Der Bedarf an Eskapismus ist naheliegend. Dabei gerät eine andere Variante der alternativen Realität oft ins Hintertreffen – das Paralleluniversum: eine Welt, in der nur Kleinigkeiten anders verlaufen und sich daraus per Schmetterlingseffekt eine Version unserer Realität ergibt, die fremd wirkt und doch vertraut bleibt. "The great parrot-ox and the golden egg of empathy" führt uns nach Cliptopia: ein Land, in dem eine zentrale künstliche Intelligenz namens Cliptron damit beauftragt wurde, alles in Büroklammern zu verwandeln. Hintergrund für diese Parabel bildet dabei die sogenannte "Paperclip-Theorie" aus einer (lesenswerten) Abhandlung des Philosophen Nick Bostrom. Jedenfalls, wirklich alles wird büroklammerisiert. Bäume, Tiere, Menschen, alles halt. Bevor man nun behauptet, dass es sich bei einer so menschenfeindlichen Situation eben doch um eine Dystopie handeln muss – falsch. Weil alle Charaktere dieser Erzählung sich der Absurdität der Situation völlig bewusst sind, wodurch trotz der Gefahr nie wirklich eine Bedrohlichkeit zu spüren ist. Federführend im Aufstand gegen den technischen Overlord ist dabei ausgerechnet der Sohn von Cliptrons Schöpfer. Zusammen mit einigen eher zwielichtigen Gefährten macht sich dieser also auf, Cliptron mittels eines sagenumwobenen Artefakts zu stoppen – das titelgebende "Egg of empathy". Wer sich bereits mit dem bisherigen Werk von Les Claypool und insbesondere Primus auseinandergesetzt hat, merkt schnell, dass es sich dabei nicht einmal um das seltsamste Konzept handelt, das von ihm ausgebrütet(!) wurde. Das sorgte in der langen Schaffensphase oftmals dafür, dass der Drahtseilakt zwischen "unterhaltsam absurd" und "hinreichend komplex" dann doch bei "anstrengend plemplem" endete. Mit "The great parrot-ox and the golden egg of empathy" verhält es sich allerdings auch ein bisschen so wie mit einem Paralleluniversum, in dem kleine Details enorme Änderungen in der Gesamtwirkung hervorbringen. Und hier kommt Sean Ono Lennon ins Spiel, der zweite Namensgeber für The Claypool Lennon Delirium. Es ist erstaunlich, wie nah er einige Stücke auf diesem Album an die Stimmung der Beatles-Alben "Magical mystery tour" oder eben auch "Sgt. Pepper's lonely hearts club band" heran bewegt; man könnte Stücke wie "WAP (What a predicament)" oder "Heart of chrome" fast für verschollene B-Seiten aus den Archiven der EMI-Studios halten. Diese werden jedoch im Gesamtrahmen des Albums in so viel himmelschreienden Blödsinn eingewoben, dass es einfach nur eine helle Freude ist. Exemplarisch hierfür sei "The wake up call" genannt, welches eine Art "Rocky Horror Picture Show"-Atmosphäre mit so richtig dirty Funk-Bass-Licks vermengt, um dann von einem Sitar-bewaffneten Frauenchoral regelrecht überfahren zu werden. Das Album ist so randvoll mit derartigen Momenten, dass sie quasi unaufzählbar sind. Während man von Les Claypool, einem der wahrscheinlich prägendsten E-Bassisten überhaupt, entsprechende Exzellenz irgendwo erwarten kann, hebt sich instrumental insbesondere die exzellente Percussion hervor. "Troll bait" und insbesondere "Cliptron scuttle" schaukeln sich zum jeweiligen Beginn mit einer Energie auf, als hätte die Band bei einer Jam Session just ein neues Genre erfunden und hätte bloß fünf Minuten Zeit, möglichst viel davon in den Studioäther zu kloppen, bevor es in Vergessenheit gerät. Gemäß der ungewöhnlichen Erfahrung dieses Albums sei bei einem eventuellen Probehören dann auch ein eher spezieller Tipp ans Herz gelegt: Hört Euch den 13-minütigen Schlusstitel "It's a wrap" nicht direkt von vorne bis hinten an. Erlaubt Euch stattdessen den Spaß, innerhalb des Songs erstmal zufällig an verschiedene Stellen zu skippen. Mit der Frage, wie zur Hölle das alles denn bitte zueinander passen soll, wirkt dieser Abschluss nämlich nochmal etwas größer, als er ohnehin schon ist.

Cover art for Tempers – Delusion
💿 7/10
Tempers
Delusion
  • 🔍 Sublevel
  • 🔍 Rise and fall fetish
  • 🔍 What we all get
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Pop für die Geisterstunde

Seit 2013 ist Jasmine Golestaneh nun schon auf der Suche. Ein Aspekt davon ist die Selbstfindung, die hier, wenig überraschend, in einer Musikrezension über eben Töne und Texte stattfindet. Ein anderer ist der dazugehörige Sound selbst. "Delusion" ist das fünfte Studioalbum als Tempers und vergleicht man etwa die zehn neuen Stücke mit denen des Debüts "Services" oder dem Nachfolger "Private life", dann ist da schon eine sehr merkbare Entwicklung. Anfangs noch im recht weichen Synthie- und Bedroom-Pop unterwegs hat "Delusion" mittlerweile so einige schöne Ecken und Kanten. Zentral ist hier natürlich der Gesang, welcher größtenteils mit einer Art Shoegaze-Effekt belegt ist. Etwas verwaschen angelegt, aber doch organisch im Vortrag. Eine kurze Hochphase hatte das sogenannte Witch-House Anfang der 2010er-Jahre – der Opener "Sublevel" ist eine sehr schöne Reminiszenz an diese Zeit. Allerlei Effekte und Wandlungen stecken in diesem Opener, der gleich der stärkste Track von "Delusion" ist. Tief im Hexenwald das Rätselraten: Ist das ein echtes Spinett oder nur eine gute Imitation? Wie will sie es wirklich schaffen, die Toten – nunja – mit Hilfe eines Eiswagens zu erwecken, wie die Lyrics verkünden? "Look at the sky, it opens up" dröhnt es im Refrain, später biegt der Song ordentlich Richtung EBM ab. Wir bleiben im Bereich "klassischer" Instrumente. Streicher, sanfte Gitarren-Saiten-Anschläge, "Rise and fall fetish" ist erstaunlich lichtdurchflutet und poppig unterwegs. Stimmlich könnte dies auch ein Hundreds-Song sein. Endgültig Disco ist "Who says", welches auch 1982 erschienen sein könnte. Drei Songs, drei völlig unterschiedliche Grauschattierungen, an Abwechslung mangelt es "Delusion" wahrlich nicht. Eine Stärke ist, dass trotzdem alles gut zusammenpasst und der Aufmerksamkeitsbogen hochgehalten wird. Das war nicht immer so, "Private life" etwa durchzog im Grunde nur ein einziges Muster und das erinnerte stark an die doch eher unflexiblen Cigarettes After Sex. Wir bleiben im Sound der 1980er, schon die Einstürzenden Neubauten erkannten: "Wir scheitern immer besser". Tempers' Version gerät weniger krachig, setzt für den Ausdruck hier auf einen Synthie-Ausbruch. Tatsächlich hat Tempers sich im Laufe ihrer Karriere Schritt für Schritt gesteigert – "Delusion" ist, wie Acts das in Interviews als Plattitüde gern von sich geben, ihr neuestes, bestes Album. Mit ungewöhnlichen Wendungen. Dass etwa die Refrainworte "Deep fake heaven" im gleichnamigen Song eine merkwürdige Anhänglichkeit entwickeln, passt auf den ersten Eindruck so gar nicht zum Text. Dann doch lieber an "What we all get" kleben bleiben, welches zackig in die Gehörgänge springt und selbstbestimmt mit "Selbstkontrolle" dort verbleibt. Nach neun von zehn fehlt eigentlich nur noch eines: eine pathetische Ballade. Aber auch hier wird Abhilfe geschaffen: "What kind of love" entlässt geschmeidig in die Nacht.

Cover art for Kevin Morby – Little wide open
💿 7/10
Kevin Morby
Little wide open
  • 🔍 Natural disaster
  • 🔍 100,000
  • 🔍 Little wide open
  • 🔍 I ride passenger
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Die Schönheit des Einfachen

Im Diskurs um Kevin Morby fiel in der Vergangenheit oft der Name Bob Dylan, doch bei "Little wide open" ist es eine andere US-amerikanische Musiklegende, die entscheidend für dessen Entstehung war: Tom Petty. Als Morby dessen Song "Square one" in seinem Pickup-Truck hörte, wusste er, dass er genau solche Musik selbst schreiben müsse: simpel und doch weiträumig in ihrer stillen Erhabenheit, die Landschaftsweite des mittleren Westens in einem gewöhnlichen Menschenleben destilliert. Obwohl er keine 40 Jahre alt ist, hat sich der gebürtige Texaner bereits eine beachtliche Diskografie aufgebaut, verschiedenste US-Musiktraditionen fortgeführt und jeder Platte mit ihrer jeweiligen thematischen oder lokalen Verankerung eine eigene Textur verpasst. "Little wide open" klingt über weite Teile unbeschwert und lebensbejahend, zeigt seinen Protagonisten – der bald übrigens zum ersten Mal Vater wird – als noch immer zweifelnden, aber zufriedenen Menschen. Doch innerhalb seines Erzählbogens nimmt das Album auch den einen oder anderen Richtungswechsel vor. Den ersten drei allesamt als Single ausgekoppelten Songs ist am stärksten der Einfluss von Produzent Aaron Dessner anzuhören. Der Opener "Badlands" beginnt mit Herzklopfen und verheißungsvollen Saitenanschlägen, bevor er mit mächtigen Drums den Himmel öffnet und damit deutlich offensiver als der gleichnamige Terrence-Malick-Film zu Werke geht. "Die young" schmückt seine Reflexionen über Vergänglichkeit mit perlenden Fiddle- und Banjo-Verzierungen, während "Javelin" die ganz großen Geschütze auffährt: zugänglicher Beat, Synth-Bläser-Hook und Gast-Vocals von Sylvan Essos Amelia Meath, die am Ende komplett das Ruder übernimmt. Es sind zweifelsfrei sehr gute und – besonders im letztgenannten Fall – mitreißende Tracks, die jedoch eine Spur zu sehr nach dem Dessner-Folk-Pop-Baukasten funktionieren. Die von Strom-Gitarren zerfurchte Ballade "All sinners" macht ästhetisch nicht so viel anders, bildet aber den Übergang in eine Albumphase, in der Morby sein Profil tiefer in den Sandstein schürft. Das Zentrum von "Little wide open" besteht aus drei Songs, die zusammen über 20 Minuten dauern und die Intensität hochschrauben. "Natural disaster" lebt von seiner stoischen Dringlichkeit, ehe niemand geringeres als Lucinda Williams von ein paar leisen Streichern begleitet dazukommt und sich in den finalen zwei Minuten ein lebendiger Groove zwischen Piano-Anschlägen und ausschweifender Gitarre entwickelt. Ihren markantesten Auftritt hat die Elektrische jedoch im fantastischen "100,000", wenn sie sich vom jazzigen Riff bis zum kolossal inszenierten Solo auftürmt. Der Titeltrack saugt im Anschluss jedes Geräusch aus der Umgebung, um ein achtminütiges Erzählpanorama mit erhabener Melodieführung und wundervollem Arrangement aufzuspannen. Morbys Partnerin Katie Crutchfield sei begeistert davon gewesen, mit welcher Zärtlichkeit das Stück zutiefst Persönliches offenlegt, und steht damit sicher nicht alleine da. Morby mag frühere Alben stilistisch abwechslungsreicher ausgefranst haben, sein Songwriting war aber selten meisterhafter. Nach diesem Karriere-Highlight bleibt der zweiten Albumhälfte wenig anderes als die zurückhaltende, Country-nah instrumentierte Leichtigkeit übrig, die Songs wie "Junebug" oder "Dandelion" schon im Titel evozieren. Nicht, dass es überhaupt keine Reizpunkte oder Tiefe mehr geben würde: Geister bevölkern "Bible belt" und das einnehmende "I ride passenger", während "Cowtown" mit einem kurzen Abkippen ins Dissonante überrascht. Das abschließende "Field guide for the butterflies" findet eine eindrückliche Sterblichkeitsmetapher in Schmetterlingen, die von auf Highways fahrenden Autos erfasst werden. Auf zukünftigen Werken wird Morby womöglich wieder die Lautstärke aufdrehen, doch hier ergibt er sich der reduzierten Schönheit des Einfachen. Tom Petty wäre stolz auf ihn.

Cover art for Miss Grit – Under my umbrella
💿 7/10
Miss Grit
Under my umbrella
  • 🔍 Tourist mind
  • 🔍 Where is my head
  • 🔍 Stranger
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The soul in the machine

Aufgewachsen ist Margaret Sohn mit amerikanischen und koreanischen Wurzeln in Grosse Point – womit dieses 5.000-Seelen-Städtchen in Michigan nach dem Roman "The virgin suicides" (plus Film plus Air-Soundtrack) und dem herrlichen 90er-Jahre-Kino-Geheimtipp "Grosse Point Blank" nun einen dritten Pin auf die Karte der Popkultur platziert. Seit dem Studium der Musiktechnologie in New York hat Sohn aber längst den Lebensmittelpunkt in Queens gefunden. Das künstlerische Ich bekam den Namen Miss Grit und landete nach zwei EPs, auf denen elektronische Sounds mit Indie-Gitarren verschmolzen, beim renommierten Mute-Label. Dort ergaben sich nicht nur Verbindungen zu den Legenden von Depeche Mode, deren Single "Ghosts again" Miss Grit einen eigenwillig schönen Remix verpasste, sondern es erschien vor drei Jahren auch das Debütalbum "Follow the cyborg". Mensch und Maschine waren das übergeordnete Thema, der Film "Ex Machina" die Inspiration, warme Melodien trafen auf kühle Synthesizer. Nun nimmt uns Sohn mit "Under my umbrella" mit und verschiebt die Sound-Palette. Die Stimme bekommt noch mehr Verzerrungen und Effekte (was nicht immer nötig gewesen wäre, vor allem die Menge der Autotune-Momente), der Klang wirkt – obwohl die Inhalte menschenbezogener sind – noch maschineller, die Beats knallen härter. Der gute alte Trip-Hop löst den Gitarren-Indie als Kontrastmittel ab, wobei die Gitarren schon noch da sind, nur dieses Mal tiefer im Gesamtmix versteckt. Generell mischen sich hier Sound-Ideen, auf die sicher nicht jede*r kommen würde. Das düstere "Tourist mind" galoppiert mit schwebenden Vocals über rasende BPM, während im Hintergrund eine Geige umherirrt. Zu "Mind desaster" wird die Stimme noch robotisch-fremder, während die Beats straff bleiben und Luciano Rossi einen charmanten Pianopart beisteuert. "Won't count on you" überrascht in der Songmitte mit einem Break und einem Wechsel vom pluckernden Dreampop zur tanzbaren Greifbarkeit, das betörende "Where is my head" baut mit ganz zarten Beats, zurückhaltendem Gesang und wie hingetupften Gitarren und Synthie-Sounds ganz viel cinematische Atmosphäre auf. Und im eingängigen "Stranger" funktioniert ausnahmsweise sogar die Stimmmodulation dank des starken Refrains. Mit "You will change" und "Overflow" gelingt anschließend noch ein geschickt ineinander gemischtes Doppel, das sich vom schleppenden Beat bis zum Streicher-Drone schließlich selbst auflöst, um Platz für das melodiöse Finale "Waste me" zu machen. Diese Maschinen klingen vielleicht manchmal etwas zu maschinell, aber sie haben ein Herz.

Cover art for Neil Diamond – Wild at heart
💿 7/10
Neil Diamond
Wild at heart
  • 🔍 You can't have it all
  • 🔍 You never know
  • 🔍 Forgotten
📖 Read review

Der Vorhang fällt

"Life ain't fair / Don't go there / Once you're in you might not get out." Man kann nicht behaupten, dass das Leben dem, der diese Zeilen gesungen hat, besonders übel mitgespielt hätte. In der Gesamtbetrachtung wohl nicht. Aber auch nicht, was Erfolg und Popularität beim Publikum angeht. Neil Diamond gilt unbestritten als einer der ganz Großen. Das hat gute Gründe. "Solitary man", "I am... I said", "Song sung blue", "I'm a believer", "Sweet Caroline", "Forever in blue jeans", um nur einige zu nennen. Dass die Glanzzeit schon ein gutes halbes Jahrhundert zurückliegt, sollte jedoch nicht den Blick auf die jüngere Vergangenheit verstellen. Mitte der 2000er hat sich Neil Diamond mit Rick Rubin zusammengetan, der bekanntlich zuvor schon Johnny Cash zu einem würdevollen Spätwerk verholfen hatte. Aus der Zusammenarbeit mit dem rauschebärtigen Produzenten entstanden "12 Songs" von 2005 und "Home before dark" von 2008, letzteres Diamonds erstes und einziges Nummer-1-Album in den Billboard-Charts. Offenbar ist bei den Sessions zu "Home before dark" seinerzeit aber auch so einiges liegengeblieben. Bislang unveröffentlichtes Material, ausnahmslos Eigenkompositionen und neun Songs an der Zahl, die nun, ergänzt um eine Alternate-Version von "Forgotten", Eingang auf "Wild at heart" gefunden haben. "Wild at heart" beginnt schwungvoll mit einem Country-Schunkler, das Leben ein Rodeo-Zirkus. "Hey, what am I drinking? I'm thinking I must be high / Talk about settling down but I don't know why." Die Feier juveniler Lebensfreude ist eine erfrischende Reminiszenz, dauert allerdings nicht lange an. Schon mit "You can't have it all" und "Talking it to death" dominieren die leiseren und vor allem nachdenklichen Töne. Hier sinniert ein älterer Herr über dies und das, lässt die Gedanken schweifen, scheint vor allem aber auch mit sich selbst im Reinen. Wie weit das auch ins Persönliche reicht, zeigt sich in "Shine on", wo Neil Diamond seinem Sohn ein paar gute Ratschläge mitgibt. "Shine on / Love will lead you / That's all you need to do / Even the longest Journey starts from a place inside of you." Eine merklich gereifte, aber dennoch kraftvolle Stimme. Eine markante Akustikgitarre, nur hier und da zart umspielt von weiteren Instrumenten. Das Prinzip ist einfach – und bekannt. Was das hier Dargebotene aber nicht minder eindrucksvoll macht. Nein, mit Ausschussware wird man nicht abgespeist. Vielmehr lässt Neil Diamond in reduzierter Form noch einmal sein ganzes songwritersches Können und sein Gespür für Hooklines aufblitzen. Wer sonst schreibt mal eben Songs, so eingängig wie "You can't have it all", "You're getting to me" oder "You never know"? Und wäre "You never know" nicht auch ein passender Titel für dieses Album gewesen? Dass die Diamond-Rubin-Trilogie, die nun einen gelungenen Abschluss findet, ursprünglich als eine solche angelegt war, darf bezweifelt werden. Es ist aber auch herzlich egal. Dass sich beim Hören des finalen dritten Albums eine gewisse Wehmut einstellt, hat mit der Musik, nicht zuletzt aber auch mit den Umständen zu tun. Vor einigen Jahren wurde bei Neil Diamond, der im Januar seinen 85. Geburtstag feierte, Parkinson diagnostiziert. Seither hat er sich vom Konzertgeschäft zurückgezogen und tritt nur noch selten öffentlich auf. Die Zeichen stehen also auf Abschied. Dass nach dem unbekümmerten "You're my favorite song" mit "Forgotten" ein Song am Ende steht, der zwar schon auf "Home before dark" enthalten war, im spärlichen Akustikkleid aber noch einmal an Intensität gewinnt, darf als eindeutiger Wink verstanden werden: Vergesst mich nicht. Was bei einem monumentalen Werk wie dem von Neil Diamond aber zum Glück nahezu ausgeschlossen sein dürfte. "Wild at heart" fügt ihm eine vielleicht letzte, aber alles andere als unbedeutende Fußnote hinzu.

Cover art for Robert Pettersson – Deabolo hypomania
💿 7/10
Robert Pettersson
Deabolo hypomania
  • 🔍 All these years
  • 🔍 About nothing
  • 🔍 You
  • 🔍 In your grace
  • 🔍 Afterlife
📖 Read review

Rein ins Vergnügen

Guilty-Pleasure-Alarm! Bereits das Cover-Artwork vom ersten Soloalbum des Takida- und Stiftelsen-Sängers legt nahe, dass hier eher keine Musik für gehobene Ansprüche geboten wird. Sondern unmittelbare Bedürfnisbefriedigung für sympathisierende AOR-Fans, die, insofern sie die Stammbands von Robert Pettersson kennen, auch ahnen dürften, was sie erwartet: zielgerichteter, effizienter, auf konsequente Eingängigkeit getrimmter Melodic Rock – hier und jetzt sogar noch ein Stück flauschiger als im Hause Stiftelsen und erst recht bei Takida. Fast wirkt es, als habe sich Pettersson in Gegenwart seiner Mitstreiter zurückhalten müssen und könne nun endlich genau die Musik machen, die ihm anscheinend seit jeher am Herzen liegt. Takida, die in Schweden schon lange eine große Nummer sind und zuletzt auch in Deutschland verstärkt von sich reden machten, werden nämlich eher Parallelen zu Bands wie Nickelback nachgesagt. Verantwortlich dafür: großflächige, stadionfüllende Melodien, die zuweilen eher mit Grunge und Alternative Rock zu tun haben, weshalb Pettersson Stiftelsen ins Leben rief, um genau das Gleiche, aber in poppigerer Form umzusetzen – ein Merkmal, das auch auf Petterssons Solodebüt maßgeblich ist, jedoch via noch wattigerer Wellenlängen zum geneigten Gehör vordringt. "Deabolo hypomania" ist ein Album, das durch die Abwesenheit jeglicher Barriere oder Zugangshürde gekennzeichnet ist. Everybody's-Darling-Musik, die aber gerade deswegen vielen zuwider sein dürfte. Denn natürlich läuft ein Sound dieser Art immer Gefahr, in käsige Klischees oder unangenehme Friede-Freude-Eierkuchen-Ästhetik abzurutschen. Und da "Deabolo hypomania" den an Achtziger-Elementen reichen Kern melodischen Rocks schonungslos offenlegt und bearbeitet, wird in der Tat niemand, der diesem Genre mit überzeugter Abneigung gegenüber steht, irgendeinen Anlass finden, sich damit beschäftigen zu wollen. Der 47 Jahre alte Pettersson, der mit Takida und Stiftelsen bereits insgesamt 15 Alben herausbrachte, ist inzwischen aber auch schon ein alter Hase im Geschäft und hat darum aus Genre-Fan-Perspektive den stilistischen Dreh raus. Es gelingt ihm durchgehend, Melodien und Hooklines genau so am Rande des absturzgefährdenden Geländes zu platzieren, dass die Balance gewahrt bleibt. Gleich das eröffnende "All these years" ist dafür das beste Beispiel und für Interessierte der Alles-oder-nichts-Moment, in dem sich entscheidet, ob man Pettersson fortan zu seinen Freunden zählt. Der Song ist nämlich zugleich eine Blaupause für das gesamte Album, das mit "About nothing" und dem flotten "In your grace" nur zwei von vielen weiteren Highlights bereithält. Ja, das wäre vielleicht auch was für Fernsehsendungen, die von Andrea Kiewel moderiert werden – aber dann könnte man dort sogar mal reinschauen bzw. reinhören. Die sich ranschmeißenden Songs sind nämlich vor allem auch durch Petterssons überaus angenehme Stimme eine einladende Erfahrung, was besonders bei ruhigeren Titeln wie "You", "Pillar of Davidson" und "Afterlife" zur Geltung kommt. Dass der Schwede, der an einer bipolaren Störung leidet, hier textlich durchaus ernste Themen anschlägt, steht übrigens im starken Kontrast zu der allgemeinen Wirkung des Albums. "Deabolo hypomania" ist trotz einer gewissen hintergründigen Melancholie ein überaus positives, manchmal geradezu überschwänglich stimmendes Werk. Guilty Pleasure eben – mit der Betonung auf "Pleasure".

Cover art for Rostam – American stories
💿 7/10
Rostam
American stories
  • 🔍 Hardy (feat. Clairo)
  • 🔍 The weight (feat. Amir Yaghmai)
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Keep calm and coup d'état

Menschen neigen dazu, Hoffnungen, die sie sich selbst nicht erfüllen können, auf andere zu projizieren. Wenn also jemand wie Rostam Batmanglij als US-Künstler mit persischen Wurzeln auf dem Cover zum umgedrehten Star-Spangled Banner greift, wirkt das zunächst wie das Versprechen einer politischen Kampfansage. Es lädt dazu ein, in "American stories" ein Sprachrohr für die persönlichen Wut- und Ohnmachtsgefühle über die einst große Nation zu interpretieren. Allein: Es stimmt nicht. Mit diesem Album will Rostam eine ganz andere, stark in den Hintergrund geratene Alternative anbieten: Egal wie infantil die Welt um einen herum wird – irgendwer muss der Erwachsene bleiben. Im Zweifel ist man das selbst. Wenn alles lauter wird, hilft es nicht, noch lauter zu schreien. Wut ist nicht nur ein schlechter Ratgeber – sie ist oft das Werkzeug, mit dem sich Menschen gegeneinander aufbringen. In den neun Songs von "American stories" geht es dann hauptsächlich um seinen persönlichen Umgang mit dem Clash der Kulturen, instrumental durch gleichzeitiges Spielen von Akustikgitarre und Saz repräsentiert. Das ist alles andere als subtil, funktioniert aber durch seine Gleichzeitigkeit so gut, wie man es aus den früheren Produktionen seiner Ex-Band Vampire Weekend kennt. Rostam verließ die Gruppe vor nunmehr etwa zehn Jahren, und mittlerweile lässt sich wohl anerkennen, dass sich beide auch unabhängig voneinander angenehm weiterentwickelt haben. Zurückkommend auf "American stories" lassen sich die Lyrics von Rostam nur schwerlich auf dem Level seines ehemaligen Bandkollegen Ezra Koenig sehen, allerdings ist das durch die insgesamt defensivere Produktion und schlicht introvertiertere Grundausrichtung auch gar nicht erforderlich. Wenn wie in "Different light" zu Zeilen wie "Sometimes I don't want to know / What it is I'm trying to say / Sometimes I don't want no words / Written anywhere in front of me" angesetzt wird, dann ist der Bedarf zum Ausdruck der eigenen College-Pop-Cleverness einfach schon so hinreichend gedeckt, dass man schlicht kein Problem mehr damit hat, seine eigene Müdigkeit mit der Welt einzugestehen. Das ist gleichermaßen nah am Herzen wie auch am Verstand. Auffällig ist der deutlich erhöhte Folk-Anteil im Vergleich zu früheren Soloarbeiten. Gleichzeitig verzichtet das Album weitgehend auf sonstige stilistische Ausschläge, und das bekommt den Songs gut. Die frühere Suche nach immer neuen, möglichst obskuren Klangquellen trägt als Konzept irgendwann nicht mehr allzu weit. Stattdessen wirkt es hier erfrischend unaufgeregt, wie Rostam mit seinen vertrauten Instrumenten an die amerikanische Folk-Tradition anknüpft und sich ganz selbstverständlich in diese einreiht. Expliziter als "They can force a resignation / But can't stop a formation" wie in "The weight" wird "American stories" jedoch nicht. Es ist eine leise, aber kraftvolle Erinnerung daran, dass die stärksten Phasen amerikanischer Kultur immer dann entstanden, wenn Ausgeschlossene ihren Platz fanden. Und dass sie immer dann schwächelte, wenn sie sich gegen genau diese Offenheit abschottete. Dadurch gelingt ein spannender Kunstgriff, ohne offensichtliche Protestsongs eine eindeutig subversive Nachricht zu verbreiten. Das legt dar, was das Handwerk eines guten Produzenten wie Rostam ausmacht.

Cover art for Cola – Cost of living adjustment
💿 7/10
Cola
Cost of living adjustment
  • 🔍 Hedgesitting
  • 🔍 Haveluck country
  • 🔍 Favoured over the ride
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Dispo-Disco

Es ist ein bisschen ironisch: Da haben Cola drei Alben gebraucht, um ihren Bandnamen einmal komplett auszuschreiben, und dann klingen sie auf dieser quasi selbstbetitelten Platte namens "Cost of living adjustment" so sehr nach ihrer Vorgänger-Band Ought wie noch nie. Zelebrierten Tim Darcy und Ben Stidworthy unter Beihilfe von Drummer Evan Cartwright den Neuanfang mit skelettal abgenagtem Post-Punk, haben sie ihren Sound nun wieder weiter aufgespannt. Der Kern ist natürlich geblieben: Zwischen The-Fall-Lakonie und Strokes'scher Tanzbarkeit reibt das Power-Trio seine Instrumente auf, ringt diesem Zusammenspiel jedoch eine weitaus raumfüllendere Energie als zuvor ab. Perfekt, um der sozialen Kälte zu begegnen, die sich in den Texten von Cola noch immer breitmacht – man nennt sich ja nicht Lebenserhaltungskostenausgleich, wenn man nur übers Verliebtsein und den Nachthimmel singt. Doch diesmal ist die Quelle der Frustration auch eine persönliche. "Make room for sorrow / It will make room for you", singt ein niedergeschlagener Darcy im betrübt-treibenden "Conflagration mindset". Im Zuge der kalifornischen Waldbrände Anfang 2025 verlor der Cola-Sänger und -Gitarrist sein Zuhause, was er in jenem Song thematisiert, seinen Erzähler etwa mit Plastikbecher-Bier in der Hand über die nicht mehr zu rettende Plattensammlung sinnieren lässt. "Fainting spells" formuliert kryptischere Elendsbilder: "The last place you'd find me is at the gate / The one where no starting gun sounded / Blood feathers don't fall to the floor" – da brauchen die Klänge von Mandoline und Akustikgitarre zu Beginn des Tracks gar nicht erst versuchen, falsche Zärtlichkeit vorzutäuschen. "Oh shit, there's no one left alive", lautet wiederum das wenig optimistische Fazit von "Satre-torial". Musikalisch richtet das lebendige Album den Blick allerdings stets vorwärts statt auf den Boden und verschwendet keinen Gedanken daran, den Sand in den Kopf zu stecken. Das macht direkt der Opener "Forced position" klar, wenn er mit nervösem Beat losstartet und sich Bass und verhallte Gitarre gegenseitig um den Finger wickeln. Am offensivsten drängelt "Much of a muchness" auf die Tanzfläche, lässt dabei sogar textlich Hoffnung aufkommen: "We carry a torch for the perfect light." In "Third double" fordert Darcy einen Bartok auf, ihn bloß nicht zurückzurufen, ehe der Song in einer intensiven Klimax die Nebelmaschine anschmeißt. Es ist eines von zwei Beweismitteln für den Tatbestand, dass in Cola auch eine mehr als versierte Shoegaze-Band steckt. Das andere ist die tolle Single "Hedgesitting", die mit Breakbeat, Feedback-Riffs und zugänglichem Refrain jedes 90er-Alternative-Rock-Herz Purzelbäume schlagen lässt – auch wenn der bedrohliche Unterton der Nostalgie in die Quere kommt. "Cost of living adjustment" ist eine im besten Sinne verwaschene Platte, die sich trotz ihres konstanten Bewegungsdrangs nie komplett in die Karten schauen lässt. Dabei schafft es der kanadische Dreier regelmäßig, mit reduzierten Mitteln eine dichte Atmosphäre zu erzeugen. Das Ein-Akkord-Riff des stoischen Ohrwurms "Haveluck country" zerfällt mehrfach zu Staub und materialisiert sich wieder. "Polished knives" ringt Stidworthy seine scharfkantigste Bass-Performance ab, ohne dabei je den Groove aus den Augen zu verlieren. Am größten klingen Cola allerdings im Albumabschluss. Das famose "Favoured over the ride" ist ihr unmittelbarster Song bisher, aber auch einer ihrer besten. "These things get complicated quickly", erklärt Darcy, um einen überhaupt nicht komplizierten Indie-Rocker unters Arenadach zu zimmern. Auch der Closer "Skywriter's sigh" beschwört trotz seiner "Please don't romanticize a better time"-Warnung selige Indie-Disco-Zeiten herauf, bleibt aber fest in der Gegenwart verankert: "I took out a loan to watch the night sky / I needed inspiration from the inverse of what I knew / A celestial event was worth a season of rent." Nicht einmal über den Nachthimmel kann Darcy ohne Klassenbewusstsein singen.

Cover art for Kacey Musgraves – Middle of nowhere
💿 7/10
Kacey Musgraves
Middle of nowhere
  • 🔍 I believe in ghosts
  • 🔍 Abilene
  • 🔍 Coyote (feat.Gregory Alan Isakov)
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Von hier an blind

Die meisten Menschen müssen zu irgendeinem Zeitpunkt lernen, mit sich allein sein zu können. Nach der Scheidung von ihrem langjährigen Partner und einer weiteren beendeten Beziehung danach, ist Country-Sängerin Kacey Musgraves laut eigener Aussage so lange Single wie noch nie zuvor. Und so entstand mit "Middle of nowhere" ein Album, das die verschiedenen Aspekte dieses Alleinseins verhandelt – die einsamen Seiten, genauso wie die Klarheit, die irgendwann einsetzt, aber auch die sexuelle Durststrecke, die immer mal wieder aus dem Unterbewusstsein grüßt und winkt. Davon berichtet die Vorab-Single "Dry spell" genervt, die nicht nur in ihren Lyrics, sondern auch im begleitenden Video die humorvolle Seite von Musgraves zeigt, die ihre Musik seit Jahren auszeichnet und in denen sie verrät, dass sie so sexuell bedürftig sei, dass sie sich schon auf die schleudernde Waschmaschine setze. Wer jetzt schluckt und denkt, dass die Musikerin eher an die schwächeren, textlichen Momente ihrer Karriere anknüpft, sei beruhigt: Die mehrfache Grammy-Preisträgerin hat sich für ihr siebtes Studioalbum auf ihre früheren Kernkompetenzen rückbesonnen und auch ein Songwriting-Team um sich geschart, das bei den älteren Alben dabei war. Deshalb klingt "Middle of nowhere" deutlich mehr nach Country als die letzten Genre-Mixturen, die auf durchwachsenes Echo stießen. Exemplarisch fündig wird man in "Abilene", das die Country-Gitarre traben lässt, während Musgraves von einer Frau singt, die ihre Heimat in der Peripherie hinter sich lässt und ihr Glück sucht. Oder in "Coyote", das in melancholischen Weiten unter sternenklarem Himmel ein Tier trifft, dessen ängstlicher Blick an eine alte Bekanntschaft erinnert. Der Bluegrass-Song profitiert vom Hintergrundgesang des südafrikanischen Singer-Songwriters Gregory Alan Isakov. Weitere Features kommen in der Barbühnen-Kooperation "Horses and divorces" mit Miranda Lambert vor, das ein hinter den Kulissen der Country-Szene vermutetes Kriegsbeil der beiden begräbt und sich auf Gemeinschaften besinnt. Besonders sympathisch mit einer Zeile über Willie Nelson: "We both love Willie, but I mean really / What asshole doesn't like Willie?" Und direkt im Anschluss darf dann Willie selbst ran und im etwas unspektakulären "Uncertain, TX" mitträllern. Es ist die bereits dritte Kollabo von ihm und Musgraves. Und auch wenn auffällig oft die Steel Guitar hervorlugt, ist nicht alles Country, was einen Hut aufhat und Stiefel trägt. Trotzdem kommt der Pop-Rock von "I believe in ghosts" einem mit seinem 1-2-Rhythmus und populären Akkorden direkt vertraut vor. Zum Dank bekommt der Song ein Gitarrensolo spendiert. Und das verträumte "Rhinestoned" gönnt sich etwas Pop-Glitzer und Dancefloor, ohne zu vergessen, wo es herkommt. Musgraves owned auf "Middle of nowhere" die verschiedenen Stadien ihre neu entdeckten totalen Selbstständigkeit, wie sie auch in dem tragisch betitelten, aber eigentlich gar nicht so argen "Loneliest girl" konstatiert: "I'm getting better at being alone / I could go days without seeing someone." Es scheint offensichtlich, dass ihr neuestes Werk gar nicht der Versuch ist, ein Opus Magnum zu schreiben, sondern vielmehr die Funktion eines Orientierungsalbum erfüllt. Saiten stimmen und weiter geht's!

Cover art for Frachter – Es wird gleich besser
💿 7/10
Frachter
Es wird gleich besser
  • 🔍 04:18 Uhr
  • 🔍 Dolomiti
  • 🔍 Anthrazit
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Gemeinsam mit der Angst

Wo die Möwen und der Wind sind, sind die großen Schiffe mit den Containern nicht weit. Turbostaat aus Flensburg haben viele Lieder gesungen zu jenen nordischen Settings in rauer musikalischer Umgebung. Frachter indes verorten sich deutlich weiter mittig im Land, das Emo(post)punk-Trio aus der Kulturstadt Weimar klingt aber durchaus nordisch. Und das ist natürlich gut so. Der Opener "4:18 Uhr" gibt mittels seines stoischen wie alarmierenden Gitarrenriffs den Weg vor, die Drums poltern, als solle das Ungeheuer namens gesellschaftlicher Untergang schon sehr bald seine Krallen ausfahren. "Selbst das Bohren der dicksten Bretter / Lässt Dich jetzt im Stich." Ein Auftakt mit Ausrufezeichen. Auch "Dolomiti" überzeugt, ist in den sprechgesungenen Strophen ziemlich nah bei Turbostaat, während Frachter zum Refrain durchaus zum Hymnischen neigen, wo dann wiederum das Münsterland bzw. Muff Potter nicht als Referenz so weit hergeholt sind. "Mit dem Kopf durch die Wand" möchte "Trafo", mit ein wenig Geschrei gelingt es dem Thüringer Trio, das Energielevel hochzuhalten. Höchst melodisch und packend geraten sind auch "Here comes the sun (aber als Drohung)" und der kleine Hit "Anthrazit", dessen Refrain fast ein wenig positive Vibes verbreitet. Für jene ist es aber eigentlich auch nicht die richtige Zeit. "Musst Du Dich selber zwingen / Oder tun die Umstände das schon?" Gutes Stichwort, dieser Vers aus "Dolomiti". Denn einen gewissen Zynismus kann und sollte man dem Albumtitel von Frachters zweitem Longplayer zugestehen: Klimakrise, ein angeschlagen röchelnder Neoliberalismus, der seine letzten Gewinnerpakete verteilt just an jene, die eh schon genug haben, und noch dazu der mittlerweile wirklich vor fast jeder Haustür lauernde Rechtsruck – nützt ja nichts: "Es wird gleich besser." Muss ja. Und alle müssen mit. Auch die alten Damen, die im intensiven "Umarella" im Chor singen und den mahnenden Finger im Kollektiv heben. Und während der Quasi-Titelsong zum Abschluss tiefer in Post-Punk-Erden gräbt, mutet seine Idee in Sachen erster Hilfe zumindest originell an: "Wir zerteilen die Angst / Mit wetzenden Messern / Gleich wird es besser." Solidarität, vielleicht eines der wenigen Konzepte, das noch trägt.

Cover art for The Lemon Twigs – Look for your mind!
💿 7/10
The Lemon Twigs
Look for your mind!
  • 🔍 2 or 3
  • 🔍 Gather round
  • 🔍 Bring you down
  • 🔍 Joy
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Trau keinem über 30

Soundtechnisch lassen sich über das Album gar nicht so viele Worte verlieren, die man an diesem Punkt nicht ohnehin schon erahnen könnte. Die historischen Vorbilder mit The Beatles und The Beach Boys sind ohnehin klar und in dieser direkten Inspirationslinie lassen sich dann "modernere" Vergleiche wie beispielsweise zu Phasen von R.E.M., Green Day oder auch They Might Be Giants ziehen, Letzteres insbesondere auch in der Stimmfarbe. Klingt erst mal wie eine obskure Zusammenstellung, ergibt beim Durchhören jedoch Sinn. Was man bei oberflächlicher Lektüre als zu starke Anbiederung an historische Vorbilder abwertend interpretieren könnte, entpuppt sich im Verlauf von "Look for your mind!" als Faustpfand – weil genau das auf einem kompetenten Level nämlich gar nicht mal so trivial umzusetzen ist, ohne dabei gleich wie eine Tribute-Band zu klingen. Genau dieser Spagat gelingt The Lemon Twigs jedoch exzellent. Hierzu Beweisstück Nummer vier des vorliegenden Albums, "Gather round": Simple Kniffe wie die Akkordverschleppung am Ende jeder Bridge sind diese typischen Charakteristika des Siebziger-Feelgood-Pops, die bei The Lemon Twigs aber dann eine zusätzliche inhaltliche Tragweite bekommen: "I know they've taken all our dreams away / And it may feel as though the end is here today / But as they lead us further into the grave / We'll never follow / No we / Won't do / Won't you / Gather round?" Die Kombination von kompositorischem Talent und musikhistorischem Wissen, welche man für derartige Momente braucht, ist definitiv besonders und ein hübsch verpacktes Geschenk für diejenigen, die zumindest Letzteres teilen (möchten). Das Highlight unter den Highlights ist derweil "Bring you down". Der Song wirkt wie eine gelungene Schnittmenge aus Beach-Boys-Harmonie und Elvis-Costello-Drive, lyrisch clever gebrochen durch konsequente Sixties-Motive wie den "Boss Man" und die vergeblich ersehnte Gehaltserhöhung fürs Hochzeitskleid des "Baby". Trotz des latent frustigen Inhalts bleibt die Nummer durch ihre groovigen Vocals sehr tanzbar. Was man heute vielleicht als Ton-Bild-Schere bezeichnen würde, war damals gängige Praxis – und wirkt rückblickend umso charmanter. Aber auch jenseits solcher Einordnungen bleibt es schlicht: ein verdammter Banger. Im Wissen um die Stärke der eigenen Upbeat-Titel sind Balladen auf diesem Album deutlich seltener zu hören, wovon "Joy" die mit Abstand am besten gelungene darstellt. Auch ohne Literaturstudium wird die Intention, dass die personifizierte "Joy" sich aus dem Leben des Protagonisten verabschiedet hat, schnell deutlich und funktioniert trotz oder gerade wegen des einfachen Sprachbilds emotional sehr gut. Damit steht es geradezu sinnbildlich für "Look for your mind!" als Gesamtwerk – vordergründig simpel, dabei aber ohne Umschweife eingängig und bei genauerer Betrachtung sogar im Konzert der ganz, ganz Großen.

Cover art for Noah Kahan – The great divide
💿 5/10
Noah Kahan
The great divide
  • 🔍 End of August
  • 🔍 American cars
  • 🔍 The great divide
  • 🔍 Deny deny deny
  • 🔍 All them horses
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Mehr ist weniger

"Oh, everything you see out here will die." Mit impressionistischem Piano und einer klaren Lyrik, die auch den eigenen Medikamentengebrauch thematisiert, ist "End of August" ein Opener, der nicht den einfachsten Weg wählt. Dass direkt danach ein seelenloses Mumford-&-Sons-Pastiche wie "Doors" folgt, steht sinnbildlich für die Frustration mit Noah Kahans viertem Album. Der Vorgänger "Stick season" samt seines auf TikTok gehypten Titeltracks bescherte dem Singer-Songwriter aus Vermont 2022 den kommerziellen Durchbruch – nicht gerade auf Ed-Sheeran-Niveau, aber immerhin genug für eine Grammy-Nominierung und eine bemerkenswerte Fanschar. Künstlerisch konnte er sich von den Hoziers dieser Welt allerdings noch nicht abheben, woran auch das von Aaron Dessner mitproduzierte und bereits extrem erfolgreiche "The great divide" nichts ändert. Vor allem mit dessen Aufgeblähtheit tut sich Kahan keinen Gefallen: Wenn die musikalische und textliche Substanz selbst für eine normale Dreiviertelstunde zu dünn ist, droht eine Laufzeit von fast 80 Minuten selbst die zweifelsfrei vorhandenen guten Momente zu ersticken. Die einprägsamsten Resultate erzielt die Platte, wenn sich stilistisch klar konturierte Stücke aus der Folk-Pop-Soße schälen. "Paid time off" entwickelt sich in der zweiten Hälfte zur beschwingten Country-Nummer, die ein plastisches Bild von Kleinstadtmentalität zeichnet: "Someone once told us there's a world out there, but we don't care enough to drive that far / It's been a damn near perfect day, just gettin' high at the outlet mall." In "American cars" lebt Kahan seinen inneren Sam Fender aus und gibt eine durchaus gute Figur ab – deutet jedoch auch die thematische Redundanz an, die sich im weiteren Verlauf durch das Album ziehen wird. Mit "Haircut", "Willing and able" und "Dashboard" geht es in drei direkt aufeinanderfolgenden Songs um die Rückkehr eines Stars in seine Heimatstadt und die wenig einladenden Reaktionen darauf. Zugegeben: Zeilen wie "You walked into a haunted house and got angry at the ghosts" oder "Trying to run away, change your zip code / Turns out that you're still an asshole" sind für sich genommen wirkungsvoll, während "Willing and able" auch eine Geschwisterbeziehung behandelt. Doch wenn zu den immergleichen Songstrukturen auch textliche Muster dazukommen, macht es die Hörerfahrung nicht erträglicher. Dabei kann es Kahan so viel besser. Der Titeltrack ist ohne Einschränkungen großartig: ein berührender, geschmackvoller Pathos-Rocker mit nuanciertem Storytelling und einer mitreißenden Klimax. Kaum zu glauben, dass aus der Feder desselben Künstlers die schwachbrüstigen Spitzen gegen eine Ex aus "Downfall" stammen – oder ein ebenso lahmes Liebeslied wie "We go way back" mit Eins-a-Wandtattoo-Poesie à la "Heaven is a drink in the backyard." Es ist auch schade, dass die glattpolierte Textur von "The great divide" oft seine textlichen Höhepunkte unterdrückt. "23" und "Porch light" erzählen in ihrem Detailreichtum nahegehende Geschichten von Sucht respektive der Enttäuschung einer Mutter, doch erlauben sich weder Kahans Stimme noch die Produktion irgendeine Form von Ausbrüchen, welche die emotionalen Tumulte transportieren. Die fehlende Dynamik zieht sich bis ins letzte Albumdrittel, wenn es – im Langweiligkeitsmonument "Spoiled" gipfelnd – drei zurückhaltende Akustikstücke hintereinander rausschießt. Immerhin gibt es hier auch den schmissigen Pop-Rock von "Deny deny deny" und "All them horses", das mit Bon-Iver-Falsett und fein arrangierten Streichinstrumenten überzeugt. Kahan plagen Schuldgefühle, während der Flut 2023 nicht in Vermont gewesen zu sein, und er geht hart mit sich ins Gericht: "I'm a sidewalk preacher with a record deal / I'm the weight of new sneakers on some dead wood." "Headed north" markiert derweil einen der seltenen Momente, in denen Kahan so scharf gegen andere wie gegen sich selbst schießt: "If I see one more Cybertruck, I swear to God, I'm gonna floor it." Im abschließenden "Dan" hat er allerdings nicht mehr zum aktuellen Zustand seines Heimatlands zu sagen, als dass alte Freunde jetzt lieber über Politik streiten, als eine gute Zeit zusammen zu verbringen. Halbherzigkeit steht der Stadionkarriere freilich nicht im Weg – doch in den vergangenen 80 Minuten hat Noah Kahan eigentlich oft genug angedeutet, dass er damit nicht zufrieden sein kann.

Cover art for Various Artists – We love Udo – Das Udo Lindenberg Tribute Album
💿 5/10
Various Artists
We love Udo – Das Udo Lindenberg Tribute Album
  • 🔍 Plan B (Céline)
  • 🔍 Na und?! (Tokio Hotel)
  • 🔍 Eldorado (Gentleman)
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Der Hofstaat von Scheißegalien

Laudationen sind gemeinhin schwer erträglich, und zwar für alle Beteiligten. Im gehobenen Alter der gelobten Person wird die gedachte Trennlinie zu einem sentimentalen Nachruf immer dünner, was mindestens ein mulmiges Gefühl erzeugt. Und auch das besprochene Werk selbst sammelt unweigerlich mehr Staub an, der dann erstmal pietätvoll abgepustet werden muss. Man will ja als Lobende*r definitiv nicht nur oberflächliche Plattitüden dreschen und damit die Zeit der Zuhörer*innen implodieren lassen. Und als wäre das nicht schon starker Tobak genug, so stellt sich bei einem Tributalbum wie "We love Udo" dann noch zusätzlich die Frage, unter welchem Betrachtungswinkel man es überhaupt sehen soll, weil man ja auch den freudigen Anlass nicht trüben möchte. Zumal es mit "Hut ab!" ein solches Album im Jahre 1994 ja auch bereits gab. Da seitdem aber auch einige wirklich große Hits dazugekommen sind, ist eine Aktualisierung wohl gerechtfertigt. Im Rahmen der Vorstellung von "We love Udo" fasste der Panik-Präsident seine Emotionen zu der musikalischen Widmung mit dem Satz "Es ist eine große Erfüllung für mich, zu sehen, dass diese Songs kein Verfallsdatum haben" zusammen. Somit fiel dann für diese Rezension die Entscheidung auf das Kriterium, ob die jeweilige Coverversion den Songinhalt interessant und eben auch modern adaptieren kann, ihm bestenfalls damit sogar eine zusätzliche Ebene an Bedeutung verleiht. Ein ambitionierter Anspruch, dem die zwar durchweg prominente, aber eher ungewöhnlich besetzte Gästeliste in höchst unterschiedlichem Maße gerecht wird – mit mancher Überraschung. Um mit den positiven Ausreißern zu beginnen, muss man zuallerst Céline und ihre Version von "Plan B" auf ein ganz hohes Podest stellen. Hierbei modifiziert sie den ursprünglichen Text und setzt ihn in die Perspektive der Frau, welcher im Original ziemlich offenkundig gerade das Herz gebrochen wird. Aus dem Lindenbergischen "Ich habe tausend Pläne / Doch'n Plan B brauch' ich keinen" wird somit Célines "Was mach' ich denn noch hier? / Denn Dein Plan B will ich nicht sein". Man kann sich potenziell schon dabei ertappen, bereits ein bisschen auf der Unterlippe zu beißen. Ebenfalls stilsicher unterwegs, man höre und staune, sind Tokio Hotel. Nicht nur ist mit "Na und?!" eine stilsichere Auswahl abseits der ganz großen Klassiker getroffen worden, auch der inhaltliche Bezug wird von Bill Kaulitz sehr authentisch und damit auch nachfühlbar verkörpert. Professionell abliefern kann derweil auch Gentleman mit seiner Version von "Eldorado", der darin zwar auch Lindenbergs Lamento aufnimmt, jedoch durch die Reggae-Instrumentals zusätzliche Schichten anreichert, was diese Version handwerklich fairerweise ziemlich klar über das Original hebt. An dieser Stelle geben wir nun nicht niederen Trieben nach und hacken auf Interpret*innen wie The BossHoss, Johannes Oerding, Thomas D und Zoe Wees herum, die halt – ganz nach dem Credo des Hutmeisters – einfach nur ihr Ding machen. Keiner von uns würde sie auch nur an einem Tourtag vertreten wollen, also Friede den Hütten und den Palästen. Und den Villen auch. Wenn wir schon von Negativbeispielen reden, dann sollten wir hier auch von einem Level an Erwartungen ausgehen, welches dann enttäuscht wird. Und damit kommen wir zu Hans Zimmer, seines Zeichens mit über achtzig Prozent Wahrscheinlichkeit Komponist Deines Lieblings-Filmsoundtracks; egal, wer Du bist. In klassischer Hollywood-Manier versucht Zimmer sich am jüngsten und damit auch größten Hit Lindenbergs (und natürlich auch Apache 207), "Komet". Mit Kübeln voller Halleffekte (weil Weltraum) und Chorälen (weil ... Tod durch Kometeneinschlag oder so?!) wird jeglicher Charakter des Stücks kaputtproduziert, und die Gesangsstimmen ziehen tatsächlich wie ein Paar verirrte Kometen durch einen ansonsten luftleeren (Klang-)Raum. Da gibt es sicher jetzt schon kompetentere Fruity-Loops-Tutorials als das hier. "We love Udo" verfehlt insgesamt trotz seiner teils positiven Ausnahmen die zentralen Aspekte eines Tributalbums zu häufig. Wer sich mit dem Werk des hanseatischen Exzentrikers bisher nicht allzu sehr befasst hat, wird durch diese Ansammlung eher nicht auf den Geschmack gebracht. Dafür sind viele der Titel einfach deutlich zu nah am Original interpretiert, und dadurch wird es dann eher zur reinen Frage, ob einem nun die eine oder andere Stimme klanglich mehr zusagt. Und auch wenn man es allen vertretenen Interpret*innen abnehmen kann, dass sie zumindest Berührungspunkte mit seiner Musik hatten, so ist es halt verdammt schwierig, überhaupt jemanden im Raum der deutschsprachigen Musikszene zu finden, für den das nicht gilt. Denn das Besondere, und was Lindenberg am Ende auch zu einem solchen Unikat werden lässt, bleibt dabei die simple Wahrheit, dass sich der Blick auf Udo auch aus anderen Perspektiven nicht verändert. Es gibt hier keine großen Wandlungen, Phasen oder Doppeldeutigkeiten: Mensch und Kunstfigur sind eins, Udo ist für alle gleich.

Image Band & Record Highlights
The Haunted Youth The Haunted Youth
Boys cry too
💿 8/10
  • 🔍 In my head
  • 🔍 Castlevania
  • 🔍 Deathwish
  • 🔍 Emo song
  • 🔍 Forget me
The Claypool Lennon Delirium The Claypool Lennon Delirium
The great parrot-ox and the golden egg of empathy
💿 8/10
  • 🔍 WAP (What a predicament)
  • 🔍 Meat machines
  • 🔍 Troll bait
  • 🔍 Cliptron scuttle
  • 🔍 It's a wrap
Tempers Tempers
Delusion
💿 7/10
  • 🔍 Sublevel
  • 🔍 Rise and fall fetish
  • 🔍 What we all get
Kevin Morby Kevin Morby
Little wide open
💿 7/10
  • 🔍 Natural disaster
  • 🔍 100,000
  • 🔍 Little wide open
  • 🔍 I ride passenger
Miss Grit Miss Grit
Under my umbrella
💿 7/10
  • 🔍 Tourist mind
  • 🔍 Where is my head
  • 🔍 Stranger
Neil Diamond Neil Diamond
Wild at heart
💿 7/10
  • 🔍 You can't have it all
  • 🔍 You never know
  • 🔍 Forgotten
Robert Pettersson Robert Pettersson
Deabolo hypomania
💿 7/10
  • 🔍 All these years
  • 🔍 About nothing
  • 🔍 You
  • 🔍 In your grace
  • 🔍 Afterlife
Rostam Rostam
American stories
💿 7/10
  • 🔍 Hardy (feat. Clairo)
  • 🔍 The weight (feat. Amir Yaghmai)
Cola Cola
Cost of living adjustment
💿 7/10
  • 🔍 Hedgesitting
  • 🔍 Haveluck country
  • 🔍 Favoured over the ride
Kacey Musgraves Kacey Musgraves
Middle of nowhere
💿 7/10
  • 🔍 I believe in ghosts
  • 🔍 Abilene
  • 🔍 Coyote (feat.Gregory Alan Isakov)
Frachter Frachter
Es wird gleich besser
💿 7/10
  • 🔍 04:18 Uhr
  • 🔍 Dolomiti
  • 🔍 Anthrazit
The Lemon Twigs The Lemon Twigs
Look for your mind!
💿 7/10
  • 🔍 2 or 3
  • 🔍 Gather round
  • 🔍 Bring you down
  • 🔍 Joy
Noah Kahan Noah Kahan
The great divide
💿 5/10
  • 🔍 End of August
  • 🔍 American cars
  • 🔍 The great divide
  • 🔍 Deny deny deny
  • 🔍 All them horses
Various Artists Various Artists
We love Udo – Das Udo Lindenberg Tribute Album
💿 5/10
  • 🔍 Plan B (Céline)
  • 🔍 Na und?! (Tokio Hotel)
  • 🔍 Eldorado (Gentleman)